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Autobahn

Ca. 500 km Autobahn liegen vor mir. Normalerweise kein Problem. Aber:

Autobahnfahren mit einem Hänger hintendran zehrt, denn laut aktueller Gesetzeslage sind lediglich 80 km/h Höchstgeschwindigkeit erlaubt. Die Straße zieht sich damit scheinbar endlos dahin. Das ist einfach zuviel für meine armen Nerven. Ich kann die Schmerzen nur durch einen Aufschlag von 10 % Voreilung und zusätzlich der Mehrwertsteuer auf die Tachoanzeige lindern.

Jessica (7) sitzt neben mir im Kindersitz auf dem Beifahrersitz, baumelt mit den Beinen und erzählt und erzählt und erzählt. Von der Schule, von ihren Freundinnen, von Mama, von Spielen, vom Baden, vom Schlittenfahren, vom Radfahren, vom Roller-Skaten, von allem, ununterbrochen, ohne Punkt und ohne Komma.

In einer kurzen Pause, denn auch sie muss irgendwann mal Luft holen, frage ich mit einem erschöpften Seufzer: „Wie kann man nur soviel reden?“

Jessica ist noch jung, kennt das Stilmittel der rhetorischen Fragestellung noch nicht und ist daher sehr erstaunt.

„Aber das ist doch ganz einfach, Papa. Du musst nur das sagen, was du gerade denkst. Wenn du zum Beispiel daran denkst, was heute in der Schule war, musst du das nur erzählen. Oder wenn du was geträumt hast, kannst du das auch erzählen. Also ich habe geträumt, dass.....“ usw., usw., usw., ...

Seufz.

In einer weiteren kurzen Atempause schlage ich ihr schnell vor, etwas Musik aus dem Radio zu hören. Der Vorschlag gefällt ihr und sie schaut interessiert zu, wie ich das Radio einschalte und einen passenden Sender mit möglichst viel Rockmusik und ohne zuviel Jingles und Moderatorengeschwafel einstelle. Sie hört auch einige Minuten zu, sagt, dass ihr die Musik gefalle, sie aber ab jetzt gerne etwas klassische Musik hören würde.

Ich traue meinen Ohren nicht.

Klassische Musik?

Ist das wirklich meine Tochter? 

Das darf doch nicht wahr sein!

Seit ich aus der Schule bin, versuche ich den dortigen unsäglichen Musikunterricht mit der Verherrlichung der klassischen Musik und der Verteufelung der modernen Musik zu verdrängen.

Ich versuche also, ihr Ansinnen in andere Bahnen zu lenken:

„Ich weiß gar nicht, ob wir hier einen Sender mit klassischer Musik empfangen können. Und schau mal, da draußen sind Schafe auf der Weide.“

„Das geht bestimmt. Auf Bayern 4 kommt klassische Musik.“ sagt sie, ohne auf die niedlichen Schafe Bezug zu nehmen.

„Aber die jetzige Musik ist doch auch schön.“

„Schon, aber wir können ja trotzdem mal reinhören.“

„Ich müsste ja das Radio ganz anders einstellen. Das kann natürlich dauern.“

„Papa!“ kommt es drohend von ihr. Irgendwie hat sie es gelernt, in dieses kurze Wort Flutwellen von Missbilligung unterzubringen.

Ihr Misstrauen ist jetzt geweckt und sie weiß, dass ich mit allen Tricks versuchen werde, einen Wechsel des Radiosenders zu umgehen.

Einige Minuten kann ich mich noch wehren, dann tönt tatsächlich klassische Musik aus dem Autoradio.

Aber Papa ist tückisch.

Nach dem Ende eines Musikstücks schalte ich mit unauffälliger List inklusive Ablenkungsmanöver wieder auf Bayern 3 zurück.

Etwa eine Minute lang glaube ich selbstzufrieden an meinen Erfolg.

„Papa!“

„Ja, mein liebes Kind.“ frage ich mit dunkler Ahnung.

„Ist das etwa klassische Musik?“

„Äh, nun ja, das gerade ist `Money for nothing´ von den Dire Straits. Das ist klassische Rockmusik.“

„Papa!“

„Doch. Das stimmt wirklich.“

„Na gut. Das ist aber keine richtige klassische Musik. Schalt bitte wieder um.“

„Also gut. Wenn´s denn sein muss. Aber nur für 5 Minuten.“

„Nein, mindestens für 50.“ Während der nun folgenden Diskussion frage ich mich, wo sie die Fähigkeit herhat, wie ein orientalischer Teppichverkäufer auf dem Basar handeln zu können.

Später fahren wir durch einen Tunnel. Der Empfang schwindet, das Radio wird leiser, schließlich ist die Musik weg.

„Papa!“

„Ich hab nichts gemacht,“ antworte ich wahrheitsgemäß, „im Tunnel ist der Empfang schlecht, weil die Radiowellen da schlecht reinkommen.“

Da sie weiß, dass ich sie niemals anlüge, glaubt sie mir das auch.

„Und wenn wir wieder rauskommen?“

„Dann kommt auch wieder Musik.“

Die Frage ist nur, welche. Denn, ich sagte es bereits, der Papa ist tückisch.

Einen Schaltvorgang vortäuschend wechsele ich noch im Tunnel wieder auf Bayern 3. Als wir den Tunnel verlassen, ertönt statt der eingangs gehörten Passacaglia in c-Moll für Orgel von Johann Sebastian Bach nun die Kantate „Blaze of glory“ in D-Dur für E-Gitarre und Schlagzeug von Jon Bon Jovi.

„Papa!“

usw., usw, usw, ...

Irgendwann, nach langer Zeit, endete auch diese Fahrt.

Wenn man Temperaturen misst, kann man zwei Werte bestimmen: Die echte physikalische Temperatur und die gefühlte Temperatur mit Wind-Chill-Faktor, die meist weit unter der echten liegt.

Nun weiß ich, dass das in umgekehrter Weise auch für die Zeit geht:

Physikalische Zeit bis zu Fahrtziel: 5 Stunden.

Gefühlte Zeit bis zum Fahrtziel: 17,5 Stunden.